von Moritz Neumann

Zurzeit gibt es offenbar wieder eine verstärkte Annäherung des Politischen und der Architektur. Das ist auch nicht verwunderlich, denn das Gefühl und auch die tatsächliche Wahrnehmung von Krise und Umbruch, fordern die Auseinandersetzung mit den Auswirkungen der eigenen Arbeit heraus. Um ihren Standpunkt hervorzuheben, schreiben Architekt*innen gerne ein Manifest. Das liegt vielleicht in der Natur des Berufes, denn Architekt*innen erschaffen gerne etwas, das stehen bleibt. Manchmal sind diese Manifeste wichtige Beiträge aktueller Diskurse, manchmal vielleicht eher Manifestation der Größe ihrer jeweiligen Autor*innen. Die neue Mode des Politischen in der Architektur könnte man fast schon als Hilfeschrei vor einem Bedeutungsverlust des eigenen Berufsstandes sehen. Aber trotzdem und auch gerade deswegen ist diese Annäherung wichtig. Zwei Begriffe sind dabei zunächst voneinander zu trennen: Erstens der Begriff der Haltung und zweitens die politische Positionierung.
Der Begriff der Haltung in der Architektur ist einerseits geschichtlich vorbelastet und wurde zum Beispiel in der Zeit des Nationalsozialismus als Ausdruck einer Form kultureller Überlegenheit genutzt, andererseits verkommt er mittlerweile oft zur Selbstvermarktungsstrategie für Architekturbüros, die das Herausstellen ihrer offenbar verantwortungsvollen Haltung nutzen, um ihr Profil zu stärken. Die Websites der Architektur- und Immobilienwelt bieten heutzutage eine große Auswahl euphemistischer Beschreibungen einer architektonischen Haltung, die scheinbar „den Menschen in den Mittelpunkt stellt“ oder scheinbar „grün“ ist und sich dadurch unangreifbar zu machen versucht. So kann auch der Bau von Norman Fosters neuer Stadt „Masdar City“ in der Wüste der Vereinigten Arabischen Emirate, als nachhaltig verkauft, eine breitere Unterstützung finden und ein Hochhaus in München mit ein paar auf den Balkon gestellten Bäumen und Büschen als Vorreiter grüner Architektur aufgefasst werden und damit Gegenwind aus mancher Richtung vermeiden. Haltung suggeriert teilweise einen blendenden Wahrheitsanspruch. Der Kunsthistoriker und Architekturtheoretiker Dietrich Erben schreibt zum Begriff der Haltung folgendes:
„´Haltung´ ist in der Architektursprache zum einen ein essentialistisches Wort, das für eine wie auch immer zu verstehende „Ganzheitlichkeit” des Entwurfs einstehen soll. Zum anderen behauptet sich das Wort als ideologischer Kampfbegriff in der Forderung nach einer berufsständischen Autonomie. Aber genau dieser Zwiespalt ist nicht aufzulösen: ,,Haltung” wird im Architekturgeschäft im Dienste der Marktbehauptung durch Produktdifferenzierung instrumentalisiert und wird zugleich als unantastbarer Wert gehandelt.“
Haltung ist also der eine Begriff, der zweite Begriff ist die politische Positionierung. Auch wenn es auf den ersten Blick der Haltung sehr ähnlich scheint, gibt es einen nicht unwesentlichen Unterschied. Gemeint ist die Verortung im öffentlichen Diskurs. Das beinhaltet eine klare Benennung dessen, wofür und wogegen man sich positioniert. Die belgische Politikwissenschaftlerin Chantale Mouffe beschreibt den sogenannten Konsens der Mitte als Ende der Politik und gleichzeitig als zentrale Ursache für die Krise der repräsentativen Demokratien, die wir derzeit weltweit erleben und setzt dem das Prinzip der Agonistik entgegen, dass sie folgendermaßen auf den öffentlichen Raum anwendet:
„Der vorherrschenden Sicht zufolge ist der öffentliche Raum das Terrain, auf dem man einen Konsens herzustellen sucht. Für den agonistischen Ansatz dagegen ist der öffentliche Raum der Ort, an dem konfligierende Sichtweisen aufeinandertreffen, ohne dass die geringste Chance bestünde, sie ein für alle Mal miteinander zu versöhnen.“

Während mit der Haltung also eher der Versuch beschrieben wird eine auf Konsens abzielende Form von Allgemeingültigkeit zu formulieren, eine Haltung auf die sich eigentlich alle einigen können, steht demgegenüber die diskursorientierte Positionierung und vor allem die Akzeptanz der Verschiedenheit von Bedürfnissen und Wünschen. Das Problem eines Konsens der Mitte findet sich auch in der Architektur: als Gegenpol braucht es eine aktivistische Architektur, die demokratischen Streit sucht.
Eine solche aktivistische Architektur zeichnet sich durch zwei wesentliche Strategien aus, die eine transformative Kraft haben können. Es geht darum auf welche Weise auf die unzähligen Bedingungen, unter denen Architektur entsteht, reagiert wird – seien es ökonomische, soziale, kulturelle oder rechtliche:
1. eine Strategie, bei der diese Bedingungen umgangen bzw. unkonventionell genutzt werden und
2. eine Strategie, bei der diese Bedingungen zu verändern bzw. zu gestalten versucht werden.
Ich möchte diese zwei Strategien an einem Beispiel verdeutlichen: das ehemalige Haus der Statistik am Alexanderplatz in Berlin, ein großer ehemaliger Verwaltungsbau aus der DDR, steht bereits über 10 Jahre leer, seit 2008 die letzten Nutzer auszogen. Nachdem im Jahr 2010 ein Wettbewerb zur Gestaltung des Areals abgeschlossen wurde, war die Planung eigentlich klar: der Bau sollte abgerissen und das Grundstück verkauft werden. Doch stattdessen passierte erstmal nichts und das Gebäude verwahrloste. 2015 hing eine Gruppe von Aktivist*innen ein großes Banner an dem Gebäude auf, das den Anschein eines offiziellen Aushanges der Stadtverwaltung erweckte und die Aufschrift trug: „Hier entstehen für Berlin Räume für Kunst, Kultur und Soziales“. Das war der Ausgangspunkt für eine Diskussion die bisherigen Pläne für das Areal grundsätzlich zu überdenken. Es gründete sich eine Initiative, die sogenannte „Initiative der Statistik“ und gemeinsam mit Anwohner*innen, Menschen aus der Architektur, aus der Politik und weiteren Interessierten wurde innerhalb eines Werkstattverfahrens ein Konzept für die Nutzung und Neubebauung entwickelt. Statt Verkauf des Grundstückes befindet es sich nun in öffentlicher Hand. Anstatt einem alleinigen privaten Entwickler die Planung des Areals zu übergeben, unterzeichneten die Verwaltungen, die das Gebäude teilweise nutzen werden und die aus der „Initiative der Statistik“ hervorgegangene Genossenschaft eine Kooperationsvereinbarung und erklärten ihr Ziel einer gemeinwohlorientierten Entwicklung.
Durch Zwischennutzungen und Aktionen, die die öffentliche Debatte an dieser Stelle vorantrieben, wurden also die Bedingungen unter denen die bisherigen Planungen standen umgangen. Zuvor hieß es das Gebäude sei wirtschaftlich nicht weiter nutzbar und unzeitgemäß. Die Initiatoren des Protests zeigten sich davon unbeeindruckt und schlugen eine andere Form der Quartiersentwicklung vor. Diese Form des Engagements von Zwischennutzungen bis hin zu Planungs- und Sozialgenossenschaften gibt es mittlerweile in vielen Städten. Zusätzlich versuchen Architekten wie Arno Brandlhuber mit ihren Projekten gesetzliche Rahmenbedingungen bis zur Schmerzgrenze auszunutzen, um sich Freiräume zu erarbeiten. Das ist also die erste Strategie aktivistischer Architektur – die Bedingungen umgehen und unkonventionell nutzen.
Doch bei aller Euphorie über neue Formen des Zusammenkommens, bei aller Glorifizierung des Gemeinschaftlichen wie es in der aktuellen Debatte um das sogenannte Commoning und Gemeingüter oft wahrzunehmen ist, sollte man nicht das aus den Augen verlieren, was diese Projekte eigentlich viel interessanter macht. Die Kraft dieser Projekte liegt nämlich nicht darin, uns in eine Welt zu führen, in der wir alle in Genossenschaften zusammenleben, in denen wir alle im Community Garden unser Gemüse ernten und in gemeinsamen Versammlungen entscheiden in welcher Farbe das Haus gestrichen wird. Die diffuse Vorstellung von Selbstorganisation, eine übermäßige Bottom-Up-Planungs-Romantik und die daraus offenbar resultierende allumfassende Verwirklichung von Gemeinwohlinteressen, scheint illusorisch. Und sie scheint auch gar nicht so erstrebenswert, denn ohne die Bedeutung jener Projekte in Abrede zu stellen, sollte man nicht ignorieren, dass sich einige Genossenschaftsprojekte und Nachbarschaftsinitiativen durch starke soziale Homogenität auszeichnen.

Stattdessen liegt die Kraft dieser Projekte darin – um schließlich zur genannten zweiten Strategie aktivistischer Architektur zu kommen – die Bedingungen, unter denen Architektur entsteht, zu verändern und zu gestalten, wenn auch manchmal nur indirekt. Eine linke Perspektive auf die Stadt muss und sollte nicht bedeuten, einen Rückzug aus den Institutionen anzustreben, sondern das Gegenteil: eine Auseinandersetzung mit den Institutionen! In einer repräsentativen Demokratie sind Institutionen die Räume, in denen wir die Bedingungen unseres Zusammenlebens langfristig und über die Dauer eines einzelnen Projektes und einer einzelnen Initiative hinaus wirksam machen können. Anders gesagt: Es ist zwar schön, wenn eine Initiative in Verhandlungen mit der Stadtverwaltung das Ergebnis erzielt, dass sie das Grundstück per Erbbaupacht nutzen kann und es nicht höchstbietend an einen Entwickler verkauft wird, doch erst wenn Instrumente einer sozialen Bodenpolitik flächendeckend gesetzlich verankert werden, profitieren Menschen außerhalb dieses kleinen Kreises der Engagierten von den Auswirkungen.
Um auf das Beispiel vom Haus der Statistik zurück zu kommen: Dieses wurde 2016 im Koalitionsvertrag der neuen rot-rot-grünen Regierung als Modellprojekt festgelegt, bei dem „neue Kooperationen und eine breite Mitwirkung der Stadtgesellschaft sichergestellt werden“. Das Prinzip von einem Modellprojekt scheint eine sinnvolle Beschreibung dessen, was solche Projekte sein könnten. Eine ganze Stadt wird sich vielleicht nicht so planen lassen und nur wenige Menschen haben vermutlich derartig viel Zeit und Lust, sich der Gestaltung der Nachbarshaft zu widmen. Doch es können Methoden und Instrumente herausgearbeitet werden, die als Grundlage einer institutionellen Verankerung einer sozialeren Stadtgestaltung dienen.
Oberthema dieser Reihe ist das „Recht auf Stadt“. Lefebvre forderte damit einen gleichberechtigten Zugang zu urbanen Qualitäten. Er sah ein Vorherrschen des Tauschwertes gegenüber dem Gebrauchswert, in vielen Bereichen der Stadt und daraus resultierende Formen der Ausgrenzung. Wenn man das Prinzip vom Recht auf Stadt zu der Idee der aktivistischen Architektur in Beziehung setzt, scheint die Strategie der institutionellen Verankerung von erkämpften Freiheiten besonders wichtig, geht es doch gerade um den Zugang zu Qualitäten der Stadt für die, die bisher benachteiligt oder ausgeschlossen sind. Das eine ist die Modellhaftigkeit und der Pioniercharakter einzelner Projekte, Ziel muss es jedoch sein, diese Projekte zu nutzen, um langfristig auch Missständen außerhalb der Kreise der üblichen urbanen Profiteure entgegenzuwirken.
Für die Ausbildung von Architekt*innen bedeutet das, in der Lehre verstärkt die Kräfte, in deren Spannungsfeld Architektur entsteht, zu untersuchen, ein Verständnis für die Funktionsweise institutionalisierter Stadtpolitik und Stadtgestaltung zu vermitteln und politische Positionierung in Bezug zu diesen verschiedenen Kräften, jenseits der Haltung als Vermarktungsstrategie, zu fördern.
Aktivistische Architektur bedeutet, sich aus der Rolle der Passivität gegenüber den Bedingungen der Stadtentwicklung hinaus zu bewegen, sie stattdessen zu untergraben und zu gestalten, wo immer es möglich ist.